Ein wirklich eindrucksvolles Erlebnis so im Nachhinein gesehen - ein Monat einen Kollegen vertreten, dem es gesundheitlich nicht gut ging.

Falls dieser Zeitraum ein oder zwei Wochen länger gedauert hätte, ich wäre selber erkrankt.

Die Stundenanzahl verdoppelte sich, der intensive Umgang mit Menschen und der zu vermittelnde Lehrstoff, welcher ja auch selber gekonnt werden muss und aufbereitet werden sollte, um Qualität bei der Vermittlung zu gewährleisten, hat mich an die Grenze meiner Leistung gebracht - innerhalb eines Monats!

Und da gibt es Menschen, welche das tagaus, tagein praktizieren (können) - wie machen die das? Ist deren Tag länger, ziehen diese Menschen Energie aus ihrer Tätigkeit, arbeiten sie gerne bis zur vollkommenen Energielosigkeit und sind in der Lage sich schneller zu regenerieren? Kennen sie nichts anderes? Glauben die das sei normal?

Das Auffälligste war, dass der Fokus nur mehr auf die Arbeit gerichtet war, kaum mehr Raum vorhanden war, um Luft zu holen.

Da gab es keine Energie mehr, um zu klettern, keine Energie mehr, um irgendwas nebenbei zu praktizieren was auch noch gut und schön ist im Leben - Frühstück, Arbeit, Abendessen, Vorbereitung, schlafen, Frühstück, Arbeit, Abendessen, Vorbereitung, schlafen, ...

Da war kein Raum, um zu sinnieren, keine Zeit und Lust die vielen kleinen Dinge zu erledigen, welche der Erledigung bedürfen, um das Leben rund zu gestalten. Keine Zeit für FreundInnen, keine Zeit, um sich auf den Tag vorzubereiten, keine Zeit das am Tag passierte revue passieren zu lassen, keine Zeit für Qualität der Speisen und des Körpers (lapidares Beispiel: keine Lust mir die Zehen- oder Fingernägel zu schneiden, weil ja auch nicht geklettert wird und lange Nägel kontraproduktiv sind z.B. oder mich zu rasieren! Wobei manche Männer das Rasieren ja auch schon automatisch betreiben, weil sie meinen die Gesellschaft verlangt das so, wie arbeiten zu gehen und "seine Leistung zu erbringen"!) - keine Zeit.

Keine Zeit zu haben und leer zu sein ist dramatisch. Die Welt wird plötzlich klein und eng.

Angenehm also, wenn dieser Zustand wieder geändert werden kann, weil der Erkrankte wieder gesundet. Und wirklich einprägsam für Körper und Geist ist es diese Erfahrung wieder mal zu machen, bewusst zu machen, dabei und im Nachhinein zu sehen welche Auswirkung Überforderung auf's Leben hat. Damit gewusst wird, was gut oder weniger gut ist und wie das Leben angenehm oder weniger angenehm sein kann.

Episoden in dieser Art sind möglicherweise notwendig, um die Qualität des Lebens zu erkennen und zu schätzen - wenn der Zeitraum dieser Überforderung begrenzt ist und nicht angenommen wird, dass sei normal, wird vom System, von der Gesellschaft, vom Arbeitgeber oder eben von einem selber gefordert.

Anfänglich dachte ich: kein Problem, das mach ich, ich freu mich drauf wieder mal mit Menschen zu tun zu haben, den Stoff durchzunehmen, die restlichen Kleinigkeiten krieg ich schon noch hin.

Ganz falsch! Ich nahm mich im Untericht wahr und sah wie ich agierte - sah mich von außen und ich gefiel mir überhaupt nicht. Nicht wie ich es machte, nicht mit wem ich es machte, nicht wieso ich es machte, es war alles schlecht am Ende dieses Monats. Zeit die Notbremse zu ziehen.

Ganz sachlich gesehen: regelmäßige und mehr oder weniger anstrengende Arbeit nimmt Lebenszeit, Lebensraum, Lebensqualität. Falls jemand nicht weiß was er mit seiner Zeit anfangen soll oder kann, dann ist arbeiten wahrscheinlich erfüllend, besser gesagt ausfüllend. Falls aber irgendeine Art von Bewusstsein vorhanden ist für Körper und Geist, Arbeit nicht alles ist für einen Menschen, dann kann so nicht wirklich glücklich und zufrieden gelebt werden.

Das wird natürlich nur dann klar ersichtlich, wenn man das Gegenteil kennt, wenn man weiß wie es ist Zeit für sich zu haben!

Und wenn ich mir vorstelle, dass in solchen Zeiten vielleicht irgendwas passiert im Leben eines Menschen, was Zeit und Energie bedarf, für seine eigene Entwicklung z.B. oder für die Aufmerksamkeit anderen gegenüber, z.B. Kindern, die gerade Aufmerksamkeit brauchen, was auch immer - es ist nicht möglich! Geht nicht, auch, wenn man selber will. Man sieht sich dann selber beim nichts tun können zu, ist körperlich wie gedanklich gelähmt.

Da ist dann der Platz vor dem Fernseher mit der Bierdose in der Hand ideal - bewegen, weder körperlich noch geisteig ist ja eh unmöglich. Nur was soll ich machen, ich hab keinen Fernseher?  :)

Allso heißt's auf seine Zeit achten, die ja zur Genüge vorhanden ist.

Und nach so einer Zeit ist eine rituelle Wohnungsreinigung, ich meine jetzt nicht ausräuchern, sondern staubsaugen und zusammenräumen, ein guter Abschluß, um meine Freizeit wieder voll auskosten zu können - hab ich grad gemacht, fühlt sich gut an dafür Zeit zu haben und es nicht nebenbei und ohne Lust und Laune machen zu müssen, damit man nicht im Lurch versinkt :)

Ich hatte nicht mal Lust Yoga zu machen! Wobei Yoga immer was ist, was in anstrengenden Zeiten wunderbar gut tut. Nur, wenn der Kopf nicht mal mehr Yoga machen will, der Körper hätte wahrscheinlich eh wollen, dann ist das nochmal ein Zeichen der Überforderung - also mach ich jetzt mal Yoga :)